Grille stellt sich vor
#1
Hallo ihr zusammen,

kurz zu mir. Ich bin weiblich, Ende 20 und habe einen jüngeren Bruder mit einer diagnostizierten paranoiden Schizophrenie. Vor über einem Jahr wurde er zum ersten mal für knapp 3 Wochen eingewiesen, da er Wahnvorstellungen hatte und auch die Familie (insbesondere den jüngeren Bruder) verdächtigt hat, Informationen über ihn weiterzugeben. Teilweise wurde auch ich, entferne Verwandte und völlig Fremde verdächtigt, sich gegen ihn verschworen zu haben. Hinzu kommen noch Spielsucht und übermäßiger Nikotinkonsum. Seitdem war es eine Berg- und Talfahrt mit seinem Zustand, was auf die unregelmäßige Medikamenteneinnahme zurückzuführen war. Vor ein paar Monaten habe ich es endlich geschafft ihn zum Psychologen zu eskortieren. Das hat ihm sehr gut getan und seitdem klappt die Medikamenteneinnahme auch besser. Da ich allerdings einige hundert Kilometer von unserem Elternhaus entfernt wohne, kann ich nicht zu allen Terminen mit und kann auch die Einnahme nicht kontrollieren. Er hat zwei Ausbildungsstellen angetreten, bei denen er leider beide Male in der Probezeit gekündigt wurde. Das waren schlimme Rückschläge für ihn. Ich denke die Probleme liegen darin, dass er auf andere etwas zurückgezogen, unmotiviert und unfreundlich wirkt. Er ist allerdings schon von klein auf ein sehr ruhiger Mensch, hat auch nie Widerworte gegeben (beispielsweise unserem Vater gegenüber für den er oft das Ventil sein musste) und bräuchte jemanden (einen Arbeitgeber) der seine Situation kennt und ihn akzeptiert. 
Leider wird auch mit den Geschwistern die noch im Haus leben nicht offen über die Krankheit gesprochen und ich habe das Gefühl, dass ich die einzige bin, die sich wirklich dafür interessiert und für ihn da ist. Dies rührt aber sicherlich auch daher, dass ich ihn nicht jeden Tag um mich habe und mich auch sehr belesen habe zu diesem Thema. Meine weiteren Geschwister scheint das nicht so zu interessieren, für sie ist er oft einfach "der Faule" und selber Schuld. Ich wüsste allerdings auch nicht, ob ich ohne die Distanz anders damit umgehen könnte. Vielleicht. Ich versuche immer alle Seiten zu verstehen, was mir jedoch auch oft schwer fällt. 
Momentan sieht es ganz ok aus, ich bin eigentlich immer glücklich wenn ich merke, dass er gerade keinen Schub hat. Ich weiß aber auch, dass sich das ganz schnell ändern kann und mir dann wieder zahlreiche schlaflose Nächte bevorstehen. Ich leide seitdem unter schweren Schlafproblemen und habe auch schon über eine psychologische Behandlung nachgedacht. Steht mir sowas überhaupt zu? Mir geht es doch eigentlich gut... Durch den ganzen Stress im vergangenen Jahr hat die Arbeit und auch das Privatleben sehr gelitten.
Ich bin jedenfalls sehr dankbar hier über dieses Forum und könnte noch stundenlang weiterschreiben und die Geschichte fortführen, dies sollte aber für eine erste Vorstellungsrunde erst mal genügen.

Viele Grüße,
Grille
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#2
Hallo Grille,
heute antworte ich mal als Ex-Profi. Es ist toll, dass und wie Du Dich um Deinen Bruder bemühst, und Du hast wahrscheinlich Recht mit Deiner Meinung den näher bei ihm wohnenden Geschwistern dürfte es schwerer fallen.
Ich lese aus Deinen Worten: Du würdest ggf. gern noch mehr für ihn tun - aber Du lebst entfernt; gleichzeitig treiben Dich Deine Sorgen um ihn rum, sodass sich bereits belastungsbedingt Schlafprobleme eingestellt haben - die Schlafprobleme wundern wahrscheinlich niemanden von uns Geschwistern.
Nun der "Rat des Profis".
Für einen niedergelassenen Psychiater hast Du offensichtlich bereits gesorgt - nun fehlt aber jemand, der "ihn freundlich im Auge behält, stütz und begleitet"; dafür sind die gemeindepsychiatrischen Dienste der Region zuständig, die können in der Regel über den örtlichen Sozialpsychiatrischen Dienst (üblicherweise beim Gesundheitsamt) "aktiviert" werden; grundsätzlich können diese Dienste alle denkbaren Unterstützungen realisieren: Begleitung zum Psychiater, Beratung in Fragen der Beschäftigung etc. etc..
Es würde mich interessieren bei Gelegenheit zu erfahren, ob Du es versucht hast - und mit welchem Erfolg.
Übrigens könntest Du beim Sozialpsychiatrischen Dienst auch erfahren, ob und welche Hilfe Du selbst vor Ort in Anspruch nehmen könntest.
Ich wünsche Dir von ganzem Herzen weiterhin viel Kraft und Verständnis für Deinen Bruder.
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#3
Hallo Grille,

Reinhard hat dir ja schon gute Hinweise gegeben. Ich möchte nur hinzufügen, dass du definitiv eine Psychotherapie machen kannst. Ja, dir geht es „eigentlich“ gut aber du kämpfst mit wahnsinnig schweren Themen, mit denen sich viele andere Menschen nie konfrontiert sehen werden. Das aufzuarbeiten und dir selber Unterstützung zu holen die dir dabei hilft auf dich selber zu achten und gesund zu bleiben, ist wichtig und richtig, wenn man selber bereit dafür ist. 

Ich habe diesen Weg gewählt und merke, wie ich mich dadurch immer besser kennenlerne und es schaffe, mir selber zu helfen anstatt immer nur anderen und selber gesund zu bleiben. Ich hatte auch die Sorge, dass ich keinen Therapieplatz bekomme, weil es mir ja „eigentlich“ gut geht. Es reicht aber oft schon aus, dass man in der Familie Personen mit psychischen Erkrankungen hat. Dann kann man einen Platz zur Vorbeugung bekommen, auch wenn man selber keine Anzeichen einer Krankheit zeigt. Therapieplätze kann man auch an Ausbildungsinstituten bekommen. Da sind die Therapeuten noch in der Ausbildung aber fast fertig und wurde nach den neuesten Erkenntnissen geschult. Es ist einfacher da einen Platz zu bekommen als bei niedergelassenen Therapeuten, bei denen man in der Regel lange warten muss. Ich hatte meinen Platz nach ca. 2 Wochen.

Ich wünsche dir ganz viel Kraft bei der Begleitung deines Bruders und hoffe, du findest einen Weg nicht nur ihm sondern auch dir selber zu helfen.

Gruß 
Julika
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