Petra stellt sich vor
#1
Hallo Hannah,

ich habe euch im Internet entdeckt, weil ich gerade mit meiner Mutter versuche, ihren Nachlass zu regeln, sodass eine für mich, für sie und für meine vermutlich an Borderline (ausagierend) erkrankten Schwester zu finden. Die Beratung durch Rechtshelfer und Rechtsanwälte bringt uns nicht weiter, weil sie die Problematik nicht begreifen und keine sinnvollen Lösungen haben.

Zu eurem Fragebogen:

1.) Mein Vater hat sich 1998 (*1940) umgebracht. Er war vermutlich Borderliner oder bipolar gestört. (In seinen letzten 5 Jahren konnte ich den Kontakt nicht mehr aufrechterhalten, weil ich den Umgang mit ihm nicht mehr ertragen konnte.) Meine Mutter war damit überfordert und suchte immer nach einer Möglichkeit, die Situation und ihn zu ändern. Sie nimmt was das Emotionale betrifft eher die Kinder-Rolle ein ("Du musst doch verstehen, dass ich nicht (anders) kann ..."), wobei ich bereits sehr früh die Erwachsenenrolle eingenommen und zugewiesen bekam. Das betrifft auch den Zeitpunkt ihrer "Trennung". Weder mein Vater noch meine Mutter konnten diesen Schritt selbstverantortlich gehen. Die Situation spitze sich nach 26 Jahren Ehe so zu, dass ich am Ende des Tages meine Mutter dazu überredete, "vorübergehend" auszuziehen. Dabei blieb es.
Ich bin das jüngste von drei Kindern (*1961, *1963, *1965). Meine Geburt fällt in eine emotional sehr angespannte Situation. Vom Tage meiner Geburt an herrschte emotionales Chaos und ich war von da an eigentlich 24/7 mit meiner Schwester zusammen. Bis sie in den Kindergarten ging, hat sich mein Bruider aber noch um sie gekümmert und ich war das "fünfte Rad am Wagen"; danach war ich zuständig. Mein Bruder hat sich immer, wenn es für ihn schwierig wurde, zurückgezogen und eigentlich hatte ich dadurch keinerlei geschwisterliches Verhältnis zu ihm.
Die Lage zuhause konnte quasi ständig kippen, wozu auch meine Schwester bereits früh beitrug. Sie bedurfte häufig der Aufsicht durch meinen Bruder oder mich, um z.B. nicht in der Stadt verloren zu gehen oder emotional zu eskalieren. Ich habe dann wohl irgendwann den unausgesprochenen Auftrag meines  Vaters erhalten, auf meine Schwester aufzupassen, die sich häufig im Konflikt mit meiner Mutter befand, die uns auch alle auch heftig schlug.
Bei uns zuhause konnte man immer über "alles" reden, aber die eigentlichen Tabus durfte man nicht ausprechen, weil sie nicht "wahr" waren. Die "Wahrheit" war immer ein zentrales Element bei Auseinandersetzungen. Zudem war wichtig, dass wir alle gleich fühlen und denken sollten.
Etwa 2 Monate vor meinem 16 Geburtstag war ich dann alleine für mich verantwortlich, hatte aber bereits mit etwa 10/11 Jahren das Gefühl, dass ich endlich erwachsen werden möchte, um dem Chaos zu entgehen. Insofern habe ich gut funktioniert und habe meine Situation auch nicht als Überforderung empfunden. Mit Ende 20 hatte ich beruflich eine stressige Zeit und habe mir damals Hilfe in Form einer Verhaltenstherapie geholt - kann mich aber nicht mehr konkret erinnern, was der Auslöser war. Bis ich Anfang 40 war, da war mein Vater bereits tot, habe ich mich eigentlich gründsätzlich isoliert von meiner Familie gefühlt und irgendwie "nicht richtig". Irgendwann hatte ich Angst, ich könnte eventuell Probleme wie er bekommen, was mich sehr belastete und habe eine Therapie begonnen. Danach eine Psychonalyse, in der mir nach und nach deutlich wurde, dass meine Schwester "mein Problem" ist. (Ich schreibe das so, weil ich ab einem gewissen Zeitpunkt tatsächlich körperlich einen kleinen Gnom/Teufel auf meiner linken Schulter gespürt habe, der mich ständig schlecht macht, mir alle meine Fehler und Fehltritte vorhält. Nach vielen Monaten wurde mir klar, dass das eigentlich meine Schwester war.)
Meine Schwester hat mir zu Anfang der Psychoanalyse in langen Gesprächen eine derartige Therapie massiv ausreden wollen. Mein Bruder kam diesbezüglich nie vor, weil ich mit ihm eigentlich keinerlei persönliche Gespräche führen konnte.
Meine Mutter hatte ein ungut enges Verhältnis zu meiner Schwester, die im Gegensatz zu mir verheiratet war und zwei Kinder hat, sodass sie sich teilweise bis zu 5 Wochen bei ihr aufgehalten hat, um quasi sklavenartig den Alltag meiner Schwester im Hinblick auf Haushalt und Kinder zu regeln. (Meine Mutter kann bis heute kaum nur aus persönlichem Interesse zu Besuch kommen oder mich einladen. Sie braucht immer einen Grund, der häufig mit Arbeiten und Geld zu tun hat.) Ich hatte mich daher bereits vor Jahren mehr und mehr zurück gezogen und bin nur noch selten zu meiner Schwester gefahren - auch und besonders, wenn meine Mutter da war.
Mein Bruder war ebenfalls verheiratet und hat zwei Kinder und zwei Enkelkinder. Er starb letztes Jahr nach 30jähriger Krankheit. Seine Frau ist nach meinem Eindruck ebenfalls Borderlinerin. Unser Kontakt reduzierte sich auf wenige Anrufe und jährlich maximal  einen Besuch, auch weil er etwa 500 km entfernt wohnte.
Meine Schwester, die meinen Bruder verehrt, hatte recht viel Kontakt zu meiner Schwägerin und meinem Bruder und verbrachte jährlich zwei Wochen mit ihren Kindern in der Nähe meines Bruders.
Vor etwa 5 Jahren schließlich spitze sich die Situation zwischen meiner Mutter und Schwester zu, als meine Schwester einen neuen Lebensgefährten hatte. (Ihre Ehe bestand seit Jahren nur noch auf dem Papier.) Die Kinder, insbesondere meine Nichte, litten darunter, dass der neue Partner quasi bei ihnen zuhause wohnte. Mein Schwager lebte ebenfalls noch dort! Meine Mutter versuchte meine Schwester zur Rede zu stellen und ein Kampf um die "Wahrheit" brach aus, in dessen Verlauf meine Nichte, die damals 17 war, solange bearbeitet wurde, bis sie die Fakten leugnete und sich am Ende nicht mehr an die heftigsten Szenen erinnern konnte, in denen sie "auf Linie" gebracht wurde. (Meine Schwester hatte eine enge Beziehung zu meiner Schwägerin. Als sich meine Nichte an sie wandte und ihr Herz ausschüttete, rief sie meine Schwester an. Am Ende hatte meine Schwester die Fakten so verdreht, dass meine Nichte von meiner Schwägerin als Lügnerin bezeichnet wurde.)
Ich hatte mit den Vorgängen eigentlich nichts zu tun, da ich auf Telefonanrufe - die sich, seit meine Schwester den neuen Lebenspartner hatte (vorher war der Kontakt auch von Seiten meiner Schwester nahezu abgebrochen), häuften - nicht wirklich reagierte. Nachdem sich meine Nichte aber in einer besonders heftigen Bedrohungssituation, in der zudem mein Schwager meine Nichte quasi vollkommen meiner Schwester ausgeliefert hatte, hilfesuchend an mich gewandt hatte, reagierte ich auf keinerlei Kontaktversuche seitens meiner Schwester mehr (mit Ausnahme von E-Mails), die sich teilweise stalkingartig häuften, sodass ich immer seltener antwortete.
Der Konflikt mit meiner Nichte öffnete mir die Augen. Ich erkannte, dass nunmehr sie die Rolle einzunehmen drohte, die ich von Kind auf für meine Schwester hatte: Prellbock und am Ende die Kohlen aus dem Feuer holen.
Seither habe ich keinen Kontakt mehr zu meiner Schwester. Meine Mutter brach den Kontakt ab, nachdem meine Schwester uns "den Krieg" erklärte und wir für sie "gestorben" waren - auch mein Bruder, der sich aus allem ohnehin rausgehalten hatte und den sie bis heute heldenhaft verehrt.
Für mich und meine Mutter waren die nächsten Jahre sehr hart, weil wir den Kontakt zu den Kindern meiner Schwester nicht verlieren wollten und gleichzeitig nicht offen sprechen konnten, weil wir ihnen nicht die Mutter nehmen wollten. Wir haben heute einen recht guten Kontakt zu ihnen. Mit meiner Nichte (heute 23) können wir respektvoll offen reden. Mein Neffe (heute 21) , das jüngste Kind meiner Schwester, stellt sich den Themen nicht, was wir respektieren.
Im Umfeld meiner Schwester herrscht die Meinung vor, dass wir uns mit meiner Schwester "vertragen" sollten und dass meine Schwester das Opfer ist. Diese Sichtweise löste sich innerhalb der Familie meines Bruders nach seinem Tod etwas auf, weil sie meine Schwester erstmals in einer akuten Psychose erlebten, die weder ich noch meine Mutter abfederten, weil wir beide nicht vor Ort waren.
Dennoch ist die Erkrankung meiner Schwester eher ein Tabu. Das Ausmaß der Belastungen können auch die Angehörigen meines Bruders nur unzureichend erfassen - nicht zuletzt weil meine Schwägerin meiner Meinung nach selbst Borderlinerin ist.

2.) Ohne professionelle Helfer wäre ich verloren! Meine Therapeutinnen haben mich sehr entlastet. Ohne sie hätte ich den Trauerprozess um meine (eigentlich nicht existente) Familie niemals sinnvoll bewältigt. Ich hätte vorallem weiterhin keinen Raum für mich und meine Gefühle gehabt und ich wäre meiner Schwester schutzlos ausgeliefert gewesen.

3.) Für mich war immer besonders belastend, dass ich immer alleine gelassen wurde. Ich war meiner Schwester ständig ausgesetzt. Selbst physische Grenzsituationen wurden zu meinem Problem erklärt. "Schwarz" war immer "Weiß", wenn meine Schwester es so wollte. Meine Eltern und mein Bruder waren im Notfall nicht vorhanden. Ich war nicht in Ordnung.
Gleichzeitig wollte mein Bruder nichts mit und und dem Chaos zu tun haben. Er hat (genauso wie meine Mutter) keinen Unterschied zwischen mir und meiner Schwester gemacht. Gleichzeitig hat er sich immer darauf verlassen können, dass ich das schon regele.
Mein Bruder konnte sich zu Lebzeiten nicht auf eine Seite stellen.
Mir hat die Therapie geholfen. Leider habe ich kein Vertrauen in enge Beziehungen aufbauen können, sodass ich bis heute keine gesunde Partnerschaft leben kann und weiterhin alleine bin.


4.) Ich habe gelernt, dass ich so wie ich bin o.k. bin. (Vermutlich war ich die einzige Person, die schon früh erkannt hat, was in unserer Familie nicht in Ordnung war. Daher wurde ich auch so "bekämpft" und versucht "auf Linie" zu bringen.) Mit der Beerdigung meines Bruders konnte ich im persönlichen Umgang mit meiner Schwester erstmals meinen Raum behaupten, was mich sehr stolz gemacht hat und mich auch heute noch stärkt und erstaunt. Sie war in einer heftigen Psychose und ich konnte erstens Raum beanspruchen und zweitens respektvoll mit ihr umgehen.
Mir hat sehr geholfen, dass ich mit den E-Mails alles schruftlich hatte und in Situationen, in denen ich an meiner Sicht der Dinge zweifelte, alles Schwarz auf Weiß nachlesen konnte. (Borderliner verdrehen die Fakten so geschickt, dass man am Ende sich selbst nicht mehr vertraut.)
Meine Schwester ist krank und das muss man auch soweit möglich laut aussprechen!
Es macht keinen Sinn, um "Verständnis" zu kämpfen! Insofern macht es auch nicht immer Sinn die Fakten laut auszusprechen, aber in dem Bewusstsein, dass meine Schwester krank ist, konnte ich deutlich sagen, dass ich keinen "Streit" mit meiner Schwester habe, dass ich aber auch keinen Kontakt mehr mit ihr haben möchte.
Mit meinem persönlichen Umfeld rede ich offen, auch wenn die Wenigsten überhaupt annähernd erfassen können, was es heißt einen Borderliner zur Schwester zu haben. (Früher habe ich alles für mich behalten.) Im Umfeld meiner Schwester rede ich darüber eher nicht, weil ich sonst in einen Kampf um die "Wahrheit" gezwungen werde, den ich nicht gewinnen kann. Ich versuche mich aber auch nach außen gegenüber Urteilen abzugrenzen, die andere diesbezüglich über mich fällen.
Mir hat irgendwann auch geholfen, mir einzugestehen, dass ich meine Schwester als krank/Patient wahrnehmen muss. Dabei hat mir die Lektüre des Buches "Schluss mit dem Eiertanz" von Paul T. Mason und Randi Krieger geholfen. (Auch wenn mur dabei klar wurde, dass ich wegen meiner persönlichen Geschichte keinen Kontakt mehr zu meiner Schwetser haben kann und die Tipps zum Umgang mit Borderlinern daher nur teilweise beherzigen werde.)
Zwischedurch musste ich eine Phase durchschreiten, in der ich Wut und Abneigung (bis zu Verachtung) gegenüber meiner Schwester aufbauen musste, was ich so vorher nie zugelassen hatte.

Es war wichtig, meine Familie zu betrauern. Mir wird es vermutlich niemals möglich sein wird, eine Kern-Familie zu haben, die in der Lage ist, mich zu unterstützen. Alle haben ihre Geschichte, die sie daran hindert. Das ist sehr traurig und die Trauer habe ich auch noch nicht ganz überwunden, aber ich lasse sie zu und das war mit das Wichtigste. (Nichts erwarten, weil sie es trotz aller Liebe nicht können!)
Mein Motto: Nicht fordern, was man braucht, sondern tun, was gut tut!
Mir hat, als ich endlich einmal an meine Gefühle gekommen bin, auch geholfen, dass ich überlegt habe, was meine erwachsenen Famileinmitglieder von mir erwarten und was ich üblicherweise getan hätte, um dann exakt das Gegenteil davon zu tun. Das hat viel in Bewegung gebracht und mir ein Gefühl von Wirksamkeit zurück gegeben!
Haltung, nicht "Wahrheit" ist alles! Psychotische Menschen spüren die Haltung! Dann sagst man auch automatisch das Richtige. (Ich staune manchmal immer noch über meine Reaktionen vor, während und nach der Beerdigung meines Bruders.) Vor dem Wiedersehen mit meiner Schwester hatte ich teilweise panische Angst davor. Da der Zeitpunkt des Todes meines Bruders aufgrund meiner persönlichen Situation aus unterschiedlichsten Gründen günstig war (u.a. weil ich einen Tag vorher eine Bauch-OP hatte -  quasi "Welpenstatus" -  und meine Telefonanlage im Krankenhaus defekt war; ich  musste mich körperlich schonen und war daher nur begrenzt einsatzfähig ...), habe ich diesen Zeitpunkt als "letztes Geschenk" meines Bruders an mich empfunden. (Zu Lebzeiten hätte er mir niemals helfend beistehen können. Auf diese Weise konnte er mich auf seine Weise beschützen.)
Mir hat zudem die emotional enge Beziehung zu meiner Nichte geholfen. Auch wenn sie naturgemäß lediglich begrenzt Beziehung zu mir aufnehem konnte/kann, so weiß ich wie wichtig meine Haltung gegenüber meiner Schwester nicht nur für ihr "Seelenheil" ist.
Die Beziehung zu meiner Mutter ist weiter schwierig. Die Erinnerung an eine enge und gute Zeit nach dem Tod meines Bruders hilft mir, auch wenn mir klar ist, dass es so wohl nicht wieder sein wird. Sie ist Ende siebzig und wir versuchen gerade ihren Nachlass so zu regeln, dass ich maximal geschützt bin - falls das überhaupt geht. Sie versteht meine Situation und das ist ja schon mal was.

5.) Ich würde mich freuen, wenn Kindern in der konkreten Situation besser geholfen wird. Sei es über Öffentlichkeitsarbeit oder Beratung.
Zudem hoffe ich konkret, dass ich Hilfe erhalte bezüglich der Regelung des Nachlasses meiner Mutter. Ich möchte nach dem Tod meiner Mutter den Raum haben, um sie zu trauern und von den stalkingartigen Attacken meiner Schwester möglichst verschont bleiben. Mit Sicherheit wird es niemanden geben, der nach dem Tod meiner Mutter wirklich versteht, was mit meiner Schwester ist und wie stark mich das tatsächlich belastet. (Ich erwarte auch, dass sie versucht, sich als Opfer darzustellen und "schmutzige Wäsche" zu waschen.)
Vermutlich wird das nur gehen, wenn ich mit der Nachlassregelung nichts zu tun habe. Gleichzeitig bin ich eine von wenigen verbleibenden Angehörigen. Zudem kann meine Mutter den Umgang mit einer psychotischen Angehörigen wie meiner Schwester keinem anderen Angehörigen oder Bekannten zumuten. Daneben möchten weder meine Mutter noch ich meiner Schwester unnötig Schmerzen zufügen.
Ich würde mir ein diesbezügliches Angebot an Broschüren oder Informationen wünschen.

Gruß,

Annette
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Nachrichten in diesem Thema
Petra stellt sich vor - von Petra - 29.10.2017, 13:04
RE: Petra stellt sich vor - von Hannah - 01.11.2017, 13:03
RE: Petra stellt sich vor - von Reinhard - 19.01.2018, 12:55

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